Aktuelle Sendung: auf

Hörgeschädigt in Rosenheim

am 04. Dezember um 18 Uhr auf Radio Charivari Rosenheim

Die Vorsitzenden des Hörgeschädigtenvereins Rosenheim waren bei uns zu Gast und haben über ihr Leben in unserer Stadt gesprochen. Sie haben uns erzählt, welche Freizeit- und Berufsmöglichkeiten es gibt, was der Verein in Rosenheim anbietet und was sie sich in puncto Inklusion noch wünschen würden.


Nachfolgend eine schriftliche Version der Beiträge:


Interview Beruf und Freizeit

Julia Witte von Radio Regenbogen: Würden Sie sagen, dass Arbeitgeber über die Zeit offener geworden sind gegenüber Hörgeschädigten?

Andras Merkle: Normalerweise müssten meiner Meinung nach die Arbeitgeber noch offener sein. Egal ob es nun jemand ist, der gehörlos ist oder jemand der körperbehindert ist oder andere Behinderungen hat. Ich finde die Arbeitgeber müssten noch mehr bereit sein, Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen einzustellen.

RR: Wie haben Sie das persönlich erlebt? Welche Vorbehalte gibt es bei den Arbeitgebern?

AM: Ich habe das direkt nicht erlebt, mein Chef hat sich sehr für mich eingesetzt. Bei mir ging es immer eher darum, ob ich die Arbeit in der Praxis gut umsetzen kann. Ich habe klargemacht, dass ich genau wie jeder andere Kollege meine Arbeit erledigen kann, der einzige Nachteil den ich habe, ist, dass ich kein Gehör habe. Ich kann also nichts hören, aber deshalb ist meine Arbeitsleistung nicht anders. Mein Chef hat das so akzeptiert und sich für mich eingesetzt. Sie kümmern sich bei mir auf der Arbeit sehr gut darum, dass ich Informationen bekomme. Wenn es etwas Neues gibt, dann wird es aufgeschrieben oder auch mal ein Dolmetscher besorgt. Also bei mir in der Arbeit läuft es recht gut. Ich habe in Amerika aber mal was erlebt, die sind uns dort weit voraus. Dort gibt es Ärzte und Rechtanwälte, die selber gehörlos sind und Angebote für Gehörlose machen können. Da ist das Angebot einfach viel viel größer als es momentan in Deutschland ist.

RR: Gibt es in Rosenheim denn gute Möglichkeiten für Hörgeschädigte einen Arbeitsplatz zu finden? Oder gibt es viele die z.B. nach München pendeln müssen, weil Sie hier nichts finden?

André Brandmüller: Also Rosenheim ist manchmal schwierig, aber es ist überall schwierig.

Andreas Merkle: Wenn ich München mit Rosenheim vergleichen muss, dann fällt natürlich auf, dass in München die Chancen ein wenig besser sind. Das liegt aber natürlich in erster Linie daran, dass München ein größeres Ballungszentrum ist als Rosenheim. Es gibt viel mehr Firmen, auch große Firmen, die schon Gehörlose angestellt haben und bereit sind, noch mehr Gehörlose anzustellen. Das ist natürlich in Rosenheim ein bisschen schwierig. Das liegt aber immer auch an der Größe der Stadt.

RR: Gibt es hier außerhalb von ihrem Verein Freizeitangebote für Hörgeschädigte, die barrierefrei gemacht werden?

AM: Leider noch sehr wenige. Beispielsweise gibt es leider noch kein Kino in Rosenheim, bei dem es Untertitel gibt. Das wäre für uns sehr schön, dann könnten wir auch Filme anschauen und verstehen, worum es geht. Hörende haben die Möglichkeit, abends einfach ins Kino zu gehen, ohne sich vorher terminlich Gedanken zu machen, wann sie jetzt unbedingt den Film anschauen. Aber wir können das nicht, wir können nicht einfach mal so ins Kino gehen, weil wir keine Untertitel haben. Wenn es beispielsweise eine Stadtführung gibt oder eine Museumsführung, dann brauchen wir einen Dolmetscher. Wir brauchen immer einen Dolmetscher, damit Dinge barrierefrei sind. Aber Rosenheim bietet von sich aus automatisch nicht immer einen Dolmetscherdienst an, sondern wir Gehörlose müssen das organisieren und einfordern. Das ist nicht wirklich barrierefrei.


Vorstellung Verein für Hörgeschädigte Rosenheim e.V.

Früher hat man zu gehörlosen Menschen oft „taubstumm“ gesagt. Das ist ein irreführendes Wort, Gehörlose sind nämlich ganz und gar nicht stumm. Sie haben eine eigene Sprache, die Gebärdensprache, und in Rosenheim auch eine sehr lebendige Gehörlosenkultur. Gelebt wird die zum Beispiel im Hörgeschädigtenverein Rosenheim. Der Verein bietet Treffen für Senioren an, Rommeabende, es gibt Vorträge und eine sehr erfolgreiche Sportabteilung, sagt André Brandmüller, der Vereinsvorsitzende.

Andre Brandmüller: Die Sportabteilung ist 2006 gegründet, von mir. Wir haben Sie aufgebaut und wir haben einige Erfolge. Zuerst gab es nur Badminton und Dart, Motorsport wurde erst später gegründet. Die beiden Sportarten mussten wir am Anfang erst aufbauen, lernen wie man damit umgeht. Und nach, ich schätze mal, ein oder zwei Jahren haben wir zum ersten Mal eine bayerische Medaille geholt. Danach wurde zum ersten Mal der deutsche Meistertitel geholt, im Badminton Doppel. Insgesamt haben wir 20 bis 30 Medaillen in Bayern geholt und einmal die deutsche Meisterschaft.

Der Verein organisiert auch Ausflüge, dieses Jahr im Oktober war das zum Beispiel eine Fahrt nach Prag. Dazu gehört natürlich immer etwas mehr Planung, hat mir der zweite Vorsitzende Andreas Merkle erklärt, hier gedolmetscht von Marie-Therese Gartner:

Andreas Merkle: Wenn der Vereinsausflug in fremde Orte gemacht wird, beispielsweise wie nach Prag,  dann ist es für uns sehr wichtig, dass es auch barrierefrei ist. Deshalb haben wir auch einen Dolmetscher mitgenommen, damit wir beispielsweise auch die Stadtführung verstehen können. Denn ohne Dolmetsche hätten wir ja keine Chance gehabt, die Stadtführung zu verstehen. Aber wir wollten natürlich, dass es nicht nur Freizeit ist, sondern dass auch ein Bildungsangebot mit inkludiert ist. Wenn man schon an einen anderen Ort fährt, oder in ein anderes Land, ist man natürlich auch interessiert an der Kultur und will wissen, was es dort so alles gibt, deshalb war es für uns sehr wichtig, den Dolmetscher mitzunehmen.

Der Hörgeschädigtenverein Rosenheim wurde 1923 gegründet, letztes Jahr konnten die Mitglieder 90jähriges Jubiläum feiern. An die 80 Mitglieder hat der Verein, sie freuen sich  immer über Zuwachs. Vor allem an jungen Mitgliedern mangelt es zur Zeit etwas.

Andreas Merkle: Ich denke es liegt auch an der Zeit, an dem Wandel der Zeit. Wenn man vergleicht, wie früher Vereinsleben geführt wurde und wie heute Vereinsleben geführt wird, ist das sehr unterschiedlich. Das Interesse an der Kommunikation und an dem direkten Treffen ist anders geworden. Durch die moderne Technik beispielsweise gibt es ganz andere Möglichkeiten heute mit Kollegen in Kontakt zu bleiben. Auch die Bildung ist eine andere als sie früher war, da war das Vereinsleben viel wichtiger für die Leute. Ich finde trotzdem immer noch, dass ein Verein sehr wichtig ist um sich zu treffen, um die Gebärdensprache zu leben, um ein soziales Umfeld zu haben und um Gehörlosenkultur auszuleben.

Wünschen würde der Verein sich einen festen Vereinssitz, ein Hörgeschädigtenzentrum für Rosenheim. Aber dafür reichen die finanziellen Mittel nicht. Der Verein und die Gehörlosenkultur insgesamt brauchen mehr Werbung und vor allem auch mehr Wertschätzung, findet Andreas Merkle.

Andreas Merkle: Wenn heutzutage hörende Eltern ein Kind bekomme, dass gehörlos ist, dann wird ihnen aus medizinischer Sicht sofort empfohlen, ein Cochlea-Implantat setzten zu lassen, damit das Kind wieder ein Chance hat, hören zu können. Es wird nicht gesagt, dass es trotzdem zusätzlich vielleicht Gebärdensprache lernen sollte, dass  es einen Hörgeschädigtenverein gibt, dass es Angebote gibt, die sich mit seiner Situation auseinander setzen. Alleine eine Cochlea-Implantation heißt noch nicht, dass es dann komplett hörend ist. Gehörlosigkeit ist nicht heilbar mit dem heutigen Stand der Medizin. Ich sage, dass reine Lautsprache nicht der richtige Weg ist. Eine parallele Erziehung in Gebärdensprache und Lautsprache, ein bilinguales Aufwachsen für ein Kind das hörgeschädigt ist, das ist wichtig.

Marie-Therese Gartner hat für Andreas Merkle gedolmetscht. Mehr Informationen über den Hörgeschädigtenverein Rosenheim finden Sie im Internet unter www.hgv-rosenheim.de 



Ohrkapelle Rottmoos

Doris Müller: Die Ohrkapelle ist eine Kapelle, die im Grundriss die Form von einem Ohr hat.

Die Ohrkapelle steht auf dem Gelände des Betreuungshofs Rottmoos bei Wasserburg. Der Betreuungshof ist eine Einrichtung für Hörgeschädigte mit Mehrfachbehinderung, 52 Menschen leben hier. Die Ohrkapelle gibt es hier seit drei Jahren, erklärt die Vorsitzende des Fördervereins Rottmoos Doris Müller:

DM: Es gab früher eine Kapelle, man sagt immer, sie musste der alten B15 weichen. Die war auch renovierungsbedürftig. Und dann wurde sie abgerissen, Mitte der 60er Jahre. Die Klientel in Rottmoos wird immer älter und sie wollten wieder ihre Kapelle, ihren Rückzugsort haben. Weil die meisten schaffen es ja nicht mehr zu den nächstgelegenen Kirchen. Der Förderverein hat sich dann Gedanken gemacht, wie er diesen Wunsch umsetzen kann und hat sehr viel Zustimmung gefunden und auch viele Sponsoren hier im Raum und auch von außerhalb. Und so konnte das Projekt verwirklicht werden.

Die Ohrkapelle steht natürlich zunächst Mal für die Einwohner von Rottmoos, die alle hörbehindert sind. Aber die Symbolik geht noch weiter:

DM: Der nächste Gedanke, der dann gleich kam, war: Ein „offenes Ohr“ sollte es sein. Und zwar ein offenes Ohr für die Rottmooser, für die Wasserburger. Ganz wichtig war uns aber: Ein offenes Ohr für alle Glaubensrichtungen.

Die Kapelle ist gerade groß genug, dass eine der Gruppen von Rottmoos herein passt. Wenn größere Andachten gefeiert werden, wird eine Wand geöffnet. Dann können zusätzliche Sitzplatze draußen aufgebaut werden und die Ohrkapelle wird auch baulich ein „offenes Ohr“.

Die Kapelle ist für die Bewohner von Rottmoos sehr wichtig, deshalb haben sie 2011 auch Anteil an den Bauarbeiten genommen. Bevor die Ziegel zu Wänden verbaut worden sind, haben die Bewohner sie beschriftet, erklärt Doris Müller.

DM: Das Schöne ist für die Bewohner: Sie wurden auf diese Art Teil dieser Kapelle. Und die wissen heut noch, der Ludwig zum Beispiel: Mein Ziegel ist da links vom Fenster, die anderen wissen: Meiner steckt da auf der rechten Seite oder in der Schmalstelle. Und so wurden die einfach Teil von diesem Gebäude.

Die Einrichtung der Kapelle ist auf das Wesentliche begrenzt. Aber Bilder vom Schutzpatron der Kapelle durften nicht fehlen: Filippo Smaldone aus Italien ist der Schutzpatron der Gehörlosen und wurde erst vor wenigen Jahren heiliggesprochen.

DM: Wir wissen mittlerweile von der Ordensgemeinschaft, die er damals gegründet hat, dass das die erste Kapelle im deutschsprachigen Raum ist, die ihm geweiht ist. Und weil das auch so etwas Besonderes ist für seine Ordensgemeinschaft, haben die uns zur Einweihung ein Geschenk mitgebracht, und das ist eine Reliquie dieses Heiligen.

Wenn Sie sich die Kapelle selber einmal anschauen möchten:

der Verein zur Förderung des Betreuungshofes Rottmoos bietet immer am ersten Freitag im Monat eine Führung an. Treffpunkt ist jeweils um 15 Uhr in Rottmoos, anmelden können Sie sich telefonisch bei Doris Müller unter 0 80 71 / 58 80

Erstellt am 02.12.2014

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